Mark Vogl berichtet über seine Erlebnisse
in Rheinhessen im Jahr 1993 (ergänzt um selbst gezeichnete Gleispläne
und Fotos von Volker Blees).
Erschienen als Beitrag bei
Drehscheibe-Online am 06.09.2011: http://www.drehscheibe-foren.de/foren/read.php?17,5541550,5541550
Nun zum
2. Teil der Serie über die Gleispläne der ehemals an Alzey angegliederten
Betriebsstellen.
Wiederum bin ich Volker Blees herzlichst dankbar, der sein Fotoarchiv geöffnet
und beeindruckende Aufnahmen eines Bahnbetriebs beigesteuert hat, wie es ihn
heute nicht mehr gibt. Ebenso gilt mein Dank Michael Porzberg, der interessante
Scans zum Güterverkehr rund um Alzey zur Verfügung stellte.
Im heutigen Teil betrachten wir uns die westlich der Hauptstrecke Worms –
Bingen gelegenen Nebenbahnen.
Beginnen möchte ich mit einer eigentlich nur von wenigen Fans beachteten, aber
sehr reizvollen Strecke, der Nebenbahn Armsheim
- Wendelsheim. In Betrieb ging zunächst am letzten Tag des Jahres
1871 der Abschnitt von Armsheim nach Flonheim, erst am 1. Juli 1895 folgte die
restliche Etappe bis Wendelsheim. Eine Verlängerung bis nach Wöllstein an der
Strecke Sprendlingen – Fürfeld war offenbar angedacht, wurde aber nie
realisiert.

Bild 1
Mit vier Td-Selbstentladern im Schlepp hat 212 354-5 vom Bw Darmstadt vor
wenigen Minuten Armsheim verlassen und wurde vor der Ortskulisse von Bornheim
und den Höhenzügen des Rheinhessischen Hügellandes abgelichtet.
Die Bahnlinie lebte zunächst vom Transport von Sandsteinen aus der Umgegend von
Flonheim, später konzentrierte sich der Wagenladungsverkehr hauptsächlich auf
landwirtschaftliche Erzeugnisse, Dünger, Brennstoffe, Rundholz und ab und an
militärische Güter.

Bild 2
Mit einer Rübergabe aus Wendelsheim passiert 212 219-0 hier die ehemalige
Betriebsstelle Bornheim, die schon um 1980 herum aufgegeben wurde.
Der Personenverkehr wurde bereits zum Winterfahrplan 1966 am 24. September
eingestellt, aus technischen Gründen erfolgte die Vollsperrung der Strecke im
Spätsommer 1992. Offiziell wurde sie am 1. Januar 1995 stillgelegt.
Auf der Strecke fand Zugleitbetrieb statt, Zugleiter war der Fdl Armsheim. Für
die Betriebsstellen war ein Zugführerschlüssel und Daum’sche Sperren vorhanden.

Bild 3
Was tun, wenn eine Betriebsstelle nur ein einseitig angebundenes Ladegleis
besitzt und man keine Lust hat, zum Umsetzen bis zum Endbahnhof zu fahren? Ganz
einfach: Man schiebt! Hier zuckelt 212 365-1 mit ihrem geschobenen Fc durch die
Rheinhessische Schweiz nahe Bornheim.
Die Pläne stammen alle vom August 1993, als die Strecke schon knapp ein Jahr
nicht mehr befahren wurde, die beiden Betriebsstellen sich aber noch in
unangetastetem Zustand befanden. Die Pläne sind jeweils nach rechts Richtung
Armsheim ausgerichtet.
Anst Flonheim (km 5,3)
Flonheim, einst besetzter Bahnhof mit Stellwerk, befand sich 1993 in folgendem
Zustand:

Bis Ende der 1980er Jahre war eine weitere, westlich gelegene Gleisverbindung
vom Ladegleis zum Streckengleis vorhanden, welche eine beidseitige Bedienung
des Ladegleises ermöglichte. Danach konnte Flonheim nur noch bei der Rückfahrt
von Wendelsheim oder eben, wie oben gesehen, geschoben aus Richtung Armsheim
bedient werden. Brennstoffe und Zuckerrüben waren in den letzten Jahren die
wichtigsten beförderten Güter.

Bild 4
212 365-1 hat nunmehr die Anst Flonheim erreicht und schiebt ihre Fuhre nun in
ein Privatanschlussgleis. Auf dem Ladegleis warten mehrere E-Wagen auf die
kommende Rübensaision. Bemerkenswert auch der freistehende Güterschuppen im
Miniaturformat.
Auszug aus der
Streckenliste der BD Frankfurt (Sommer 1986):


Bild 5
212 365-1 im verschwindet im Anschlussgleis.

Bild 6
Eine unbekannte 212 passiert als Lz Flonheim mit seiner 1885 erbauten,
neugotischen Pfarrkirche.

Bild 7
Mit der schönste Abschnitt der Strecke war der Verlauf im Wiesbachtal zwischen
der Geistermühle und Wendelsheim. Mit Rüben im Schlepptau hat 212 122-6 vor
kurzem den Bahnhof Wendelsheim verlassen und wird sogleich eine Brücke über den
Wiesbach passieren.

Bild 8
Der schon aus Bild 2 bekannte Rübenzug mit 212 219-0 in der rheinhessischen
Schweiz zwischen Wendelsheim und der Geistermühle.
Bf Wendelsheim (km 9,3)

Bild 9
212 219-0 trifft mit leeren Rübenwagen im Bahnhof Wendelsheim ein. Im
Vordergrund ist die in der Streckenliste erwähnte Einschalttaste für die
Blinklichtanlage zu erkennen.
Nunmehr ist auch schon der Bf Wendelsheim erreicht, dessen Gleisanlagen sich
1993 folgendermassen präsentierten:

Bis Ende der 1980er Jahre war das nördliche Ladegleis noch zweiseitig
angebunden, ansonsten waren die Bahnanlagen offenbar nie grösser verändert
worden. Nachgewiesen ist ein Einfahrsignal, das wohl bis zur Einstellung des
Personenverkehrs Bestand hatte.
Auszug aus der
Streckenliste der BD Frankfurt (Sommer 1986):


Bild 10
Rüben! Rüben! Rüben! 212 122-6 betätigt sich mit Rangierarbeiten in
Wendelsheim. Die links auf dem Hauptgleis stehenden Wagen wurden bereits vom
Ladegleis abgezogen, auf dem nun gerade Nachschub bereitgestellt wird.
Im Sommer 1991 wurde der Güterverkehr nach Wendelsheim in folgender Form
abgewickelt:
Üg 67215 B W(Sa) Armsheim 12.35 – Wendelsheim 12.55 Tfz 212
Üg 67216 B W(Sa) Wendelsheim 13.05 – Armsheim 13.25 Tfz 212
Auszug aus einer
GZV des Jahres 1971:


Wendelsheim wurde vor Einführung des Knotenpunktsystems offenbar direkt von
Mainz aus angefahren, wie sich aus diesen Unterlagen entnehmen lässt. Die
Rückfahrt führte dann nach Alzey.

Bild 11
212 354-5 hat mit dem schon auf Bild 1 gezeigten Üg den Endbahnhof erreicht und
wird sich gleich ans Rangiergeschäft machen. An der südlichen Ladestrasse ist
ein Fc mit Brennstoffen zur Entladung bereitgestellt. Das war noch vor 20
Jahren Eisenbahnalltag in der deutschen Provinz…
Den Güterverkehr in Wendelsheim prägten neben der in Rheinhessen allgegenwärtigen
Rübe auch Getreide, Dünger, Brennstoffe, die Holzverladung und ab und an
Militärgut. Selbst in den letzten Jahren war der Verkehr noch recht
zufriedenstellend, wie mir durch örtliche Eisenbahner erzählt wurde.

Bild 12
Eine Schienenbus-Sonderfahrt vor dem Backstein-Empfangsgebäude von Wendelsheim.
Nun zur nächsten Strecke, der Nebenbahn Alzey
– Kirchheimbolanden. Die einstige, 1874 in zwei Etappen
eröffnete und ursprünglich nach Marnheim führende Hauptbahn war bis zur
Sprengung des Pfrimmviadukts 1945 Teil der Achse Mainz – Kaiserslautern.
Nachdem der Viadukt über die Pfrimm nicht mehr aufgebaut wurde, reduzierte sich
der Betrieb auf die Strecke Alzey – Kirchheimbolanden. Als eine der ersten
Strecken der DB verlor sie schon am 20. Mai 1951 den Personenverkehr.

Bild 13
Kurz vor Alzey befindet sich 212 360-2 auf der Rückfahrt von Kirchheimbolanden und
passiert soeben einen technisch nicht gesicherten Bahnübergang. Mit dem G-Wagen
gelangte Reisegepäck und Expressgut nach Kirchheimbolanden und zurück.
Der Güterverkehr konnte sich dank einiger treuer Kunden dagegen bis zum
Jahresende 1994 halten. Im Personenverkehr erlebte die Strecke ab Sommer 1999
eine ungeahnte Renaissance: Dieser wurde nach fast 50jähriger Pause
wiederaufgenommen und heute können die Fahrgäste mit modernen Triebwagen der
Rhenus-Veniro die Strecke benutzen.
Die Strecke wurde bis zur Einstellung des Güterverkehrs im Zugleitverfahren
betrieben, Zugleiter war der Fdl Alzey, mittels Zugführerschlüssel und
Daum’scher Sperren waren die Betriebsstellen gesichert.
Auch hier sind alle Pläne 1993 entstanden und rechts in Richtung Alzey ausgerichtet.
Anst Wahlheim (km 4,1)

Bild 14
212 038-4 erreicht mit einer langen Schlange Fc, die für den Anschluss der
Nordpfälzischen Hartsteinwerke bestimmt sind, die Anst Wahlheim. Soeben musste
der Rangierer die mechanische Schrankenanlage (vgl. die Streckenliste) bedienen
und kehrt nun zur Lok zurück.
Der Gleisplan im Jahr 1993:

Offenbar war in Richtung Alzey bis in die 1980er Jahre hinein noch ein
Gleisstumpf vorhanden, der als Flankenschutz sowie Rampengleis diente. 1993 war
er entfernt und durch eine Gleissperre ersetzt worden.
Neben der Rübenverladung spielte in Wahlheim lediglich die Landwirtschaft mit
einem Lagerhaus eine Rolle.
Auszug aus der
Streckenliste der BD Frankfurt (Sommer 1986):


Bild 15
Mit dem schon auf Bild 13 gezeigten Üg passiert 212 360-2 gerade das ehemalige
Empfangsgebäude von Wahlheim. Im Hintergrund gesunde Infrastruktur der
Eisenbahn im ländlichen Raum vor 20-25 Jahren: Ladegleis, Lagerhaus,
Rübenverladeanlage und E-Wagen für die süsse Fracht.

Bild 16
Blick auf den westlichen Kopf der Anst Wahlheim mit der Ladestrasse und
Schuppen für die Rübenverladeanlage. Eine 212 passiert mit ihrer Übergabe nach
Alzey die Betriebsstelle und hat neben drei Schotter-Fc auch einen mit
Altpapier beladenen Rils aus Morschheim im Schlepp.

Bild 17
Auf der Hinfahrt nach Kirchheimbolanden nahe Freimersheim. Darsteller 212
360-2, ein Hbis für die Altpapierverladung in Morschheim, der erst mit in den Endbahnhof
reisen durfte sowie der G für Reisegepäck und Expressgut.
Anst Morschheim (km 24,5)

Bild 18
Der eben gezeigte Üg bei der Einfahrt in die Anst Morschheim.
Recht umfangreiche Gleisanlagen wies die Anst Morschheim auch noch im Jahr 1993
auf:


Bild 19
212 360-2 hat auf der Rückfahrt von Kirchheimbolanden gerade mit den zwei schon
bekannten Anhängseln Morschheim erreicht. Da das Umsetzgleis mit E-Wagen für
die Rübenverladung belegt war und der Altpapierhändler ohne Umfahren nur aus
Richtung Kirchheimbolanden bedient werden konnte, wurde der Hbis einfach mit in
den Endbahnhof gezogen und auf der Rückfahrt bereitgestellt.
Auszug aus der
Streckenliste der BD Frankfurt (Sommer 1986):

Aufmerksame Mitleser werden es schon bemerkt haben, vor Morschheim hat die
Kilometrierung gewechselt. Km 0,0/25,7 befand sich an der ehemaligen
pfälzisch/hessischen Grenze zwischen Freimersheim und Morschheim.

Bild 20
Gerade eben hat 212 360-2 den Hbis zur Beladung mit Altpapier bereitgestellt.
Nun werden durch den Rangierer die Gleissperre wieder aufgelegt und die Weiche
wieder in Grundstellung gebracht und anschliessend verschlossen.
Morschheim hatte im Güterverkehr einige Bedeutung. Am nördlichen Ladegleis gab
es einen Altpapierhändler, der regelmässig für Fracht sorgte. Neben Zuckerrüben
gelangte von hier aus auch Getreide auf die Reise, wozu extra ein Silo mit Verladeanlage
vorhanden war.

Bild 21
Mit dem schon aus Bild 16 bekannten Üg von Kirchheimbolanden nach Alzey steht
eine 212 in Morschheim. Der im Hintergrund an der Altpapierverladung stehende,
noch halb geöffnete Rils wird sogleich durch den leeren, hinter der Lok
laufenden ausgewechselt werden.

Bild 22
Mit dem gerade gezeigten Üg brummt eine 212 zwischen Kirchheimbolanden und
Morschheim durch die ehemalige bayerische Rheinpfalz.
Anst Nordpfälzische Hartsteinwerke und Ballotini Europe (km 21,0)
Am Stadtrand von Kirchheimbolanden lagen die beiden Anschlusstellen
Nordpfälzische Hartsteinwerke sowie Ballotini Europe. Erstere hatte dabei
besondere Bedeutung, waren doch die von hier aus verschickten Schotterladungen
ein wichtiges Rückgrat des Güterverkehrsaufkommen dieser Strecke.
Der Gleisplan der beiden Anschlusstellen im Jahr 1993:


Bild 23
Mit dem schon mehrmals gezeigten Üg ist 212 360-2 gerade in Kirchheimbolanden
aufgebrochen und passiert die Verladeanlagen der Nordpfälzischen Hartsteinwerke
mit ihrer Deutz-Werklok.
Auszug aus der
Streckenliste der BD Frankfurt (Sommer 1986):


Während die Hartsteinwerke mehrmals wöchentlich bedient wurden und sogar über
eine eigene Werklok verfügten (Deutz Typ OMZ 122 R aus dem Jahr 1938,
Fabriknummer 23180, was ist aus der Lok geworden???), waren Ladungen für den
Glaswarenhersteller Ballotini eher selten.
Bf Kirchheimbolanden (km 20,4)

Bild 24
Eine Schienenbus-Sonderfahrt im Bahnhof Kirchheimbolanden.
Kirchheimbolanden, ehemals Residenzstadt derer von Nassau-Weilburg mit
mittelalterlicher Stadtbefestigung und sehenswerter Schlosskirche, auf deren
Orgel Mozart 1778 als 22jähriger spielte, war noch bis Anfang 1989 verkehrlich
besetzter Bahnhof mit Fahrkartenausgabe sowie Gepäck- und
Expressgutabfertigung. Da Gepäck- und Expressgut per Schiene angeliefert
wurden, führte das Üg-Paar bis 1989 stets einen G-Wagen für diesen Zweck mit
und verkehrte auch dann, wenn sonst keine Fracht anfiel.
Der kuriose Gleisplan im Jahr 1993:

Interessant, Hauptgleis ist nicht etwa das durchgehende, sondern das vom
Streckengleis abzweigende. Vermutlich um sich mehrere verschlüsselte Weichen
und Gleissperren zu sparen, kam es zu dieser kuriosen Situtation.
Auszug aus der
Streckenliste der BD Frankfurt (Sommer 1986):


Bild 25
212 360-2 vor dem recht ansehnlichen Empfangsgebäude von Kirchheimbolanden. Die
Lok umfährt gerade ihre beiden in den Endbahnhof mitgebrachten Anhängsel. Rangierer
in Schwarz und mit Schildmütze, lang ists her…
Im Sommer 1991 wurde der Güterverkehr der Strecke in folgender Form
abgewickelt:
Üg 67210 W(Sa) Alzey 14.10 – Kirchheimbolanden 15.00 Tfz 212
Üg 67211 W(Sa) Kirchheimbolanden 15.15 – Alzey 15.48 Tfz 212
Bis 1989 verkehrte das Üg-Paar wegen der Gepäck- und Expressgutbeförderung noch
in den Morgenstunden. Neben Brennstoffen und landwirtschaflichen Gütern spielte
bis Mitte der 1980er Jahre auch die Zuckerrübenverladung in Kirchheimbolanden
noch eine Rolle.
Auszug aus einer
GZV des Jahres 1971:

Seinerzeit gelangten auch noch reine Schotterzüge nach Kirchheimbolanden:


Bild 26
Nun umfährt 212 360-2 über das kurios gelegene Gleis ihre beiden nunmehr
allseits bekannten Begleiter und wird sich danach zur Rückfahrt nach Alzey
aufmachen.